
Magnetgesteuerte RNA-Abgabe am Zielort
Eine neue Methode zur über Magnetpartikel gesteuerten lokal angereicherten Abgabe von Wirkstoffen könnte die Off-Target-Effekte bei RNA-Therapien deutlich reduzieren. Die Arbeiten aus dem Labor Thomas Thum an der Medizinischen Hochschule Hannover haben es damit auf die Titelseite eines Wissenschaftsmagazins geschafft.
Eine neue Plattformtechnologie aus dem Labor von Prof. Dr. Thomas Thum an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) schafft eine Lösung für die zielgerichtete Abgabe von RNA-Wirkstoffen. Die Arbeit beschreibt eine neue Methode für die präzise Verabreichung von RNA-Therapeutika, die ein zentrales Problem des Feldes adressiert: die bislang unzureichende Zielgenauigkeit sowie systemische Nebenwirkungen.
RNA-Kompass: Magnete weisen den Weg
Im Kern kombiniert der Ansatz superparamagnetische Eisenoxid-Nanopartikel (SPIONs) als Trägersystem mit einem thermosensitiven chemischen Linker und einem RNA-Wirkstoff, hier einer sogenannten Locked Nucleic Acid (LNA) gegen miR-21. Diese Komponenten werden kovalent miteinander verknüpft, sodass der Wirkstoff während der Zirkulation im Körper zunächst inaktiv gebunden bleibt.
Der entscheidende Innovationsschritt liegt in der extern steuerbaren Freisetzung des Wirkstoffs. Die SPIONs können durch ein von außen angelegtes magnetisches Wechselfeld aktiviert werden. Dabei erzeugen sie lokal begrenzte Wärme direkt am Nanopartikel, die den thermosensitiven Linker gezielt spaltet. In der Folge wird der RNA-Wirkstoff exakt am gewünschten Ort freigesetzt. Ein wesentlicher Vorteil dieses Prinzips besteht darin, dass die Erwärmung auf die unmittelbare Umgebung des Nanopartikels beschränkt bleibt, während das umliegende Gewebe auf physiologisch unbedenklichem Temperaturniveau gehalten wird.
Ergänzend lässt sich die räumliche Verteilung der Partikel gezielt beeinflussen. Durch den Einsatz externer Magnete können die SPIONs in ein bestimmtes Zielorgan gelenkt werden, etwa in das Herz. Erst nach dieser Anreicherung erfolgt die Aktivierung durch das magnetische Wechselfeld. Auf diese Weise wird eine kombinierte räumliche und zeitliche Kontrolle der Wirkstofffreisetzung erreicht, die weit über bestehende Systeme hinausgeht.
Systemische Gabe, örtliche Anreicherung
Als Machbarkeitsnachweis wurde ein Inhibitor der mikroRNA-21 eingesetzt, die eine zentrale Rolle bei fibrotischen Prozessen spielt. Während die systemische Gabe des freien Wirkstoffs zu einer breiten Verteilung in verschiedenen Organen führte, ermöglichte das SPION-basierte System eine deutlich gezieltere Anreicherung im Zielgewebe. Gleichzeitig wurden Off-Target-Effekte erheblich reduziert, bei vergleichbarer oder sogar verbesserter Wirksamkeit im Zielorgan. Im Mausmodell zeigte sich dies unter anderem in einer Reduktion der Herzfibrose, einer verbesserten Herzfunktion sowie einer insgesamt geringeren systemischen Toxizität.
In der Einordnung adressiert die Technologie mehrere zentrale Limitationen bisheriger RNA-Therapien gleichzeitig. Sie erlaubt eine gezielte Steuerung der Wirkstoffverteilung, eine externe und bedarfsgerechte Aktivierung sowie eine Reduktion unerwünschter Nebenwirkungen und Immunreaktionen. Gleichzeitig ist das System prinzipiell modular aufgebaut und damit auf andere RNA-basierte oder auch nicht-RNA-basierte Wirkstoffe übertragbar.
Insgesamt handelt es sich um ein extern steuerbares, magnetisch aktivierbares Drug-Delivery-System, das RNA-Wirkstoffe erst am gewünschten Wirkort freisetzt. Damit wird ein wichtiger Schritt in Richtung präzisionsgesteuerter, minimal-invasiver Therapien erreicht, insbesondere für Erkrankungen, bei denen eine lokal begrenzte Wirkung entscheidend ist. Ihre Ergebnisse präsentierten die Forscher in der aktuellen Ausgabe von Molecular Therapy – Nucleic Acids

AMW GmbH
Karrrtinki - stock.adobe.com
NIH.gov